Rennradfahren in den Abruzzen

Seit einigen Jahren verbringe ich den Sommerurlaub im Hotel Punta de l’Est in Francavilla al Mare. Das Küstendorf liegt südlich von Pescara in den Abruzzen. Ausländische Touristen findet man hier nur selten, die Küche ist regionaltypisch und kaum jemand spricht Deutsch oder Englisch. Wer Italien abseits der Tourismus-Hochburgen liebt, ist hier also genau richtig und auch Radfahren kann man hier ganz gut, wenn auch einiges anders ist als zu Hause:

Zunächst einmal hat man den Eindruck, dass hier fast jeder Rad fährt. Auf der langen Küstenstrasse von Pescara Richtung Süden rollen früh morgens im Minutentakt kleinere und größere Gruppen Rennradfahrer/innen jeden Alters, insbesondere auffallend viele jenseits der 60, durch Francavilla. Fast alle in perfektem Outfit, die Style-Police ist hier überflüssig. Die aktuellen World-Tour Profis Giulio Ciccone und Dario Cataldo kommen aus der Gegend und auch viele Ex-Profis wie z. B. Danilo de Luca. Radfahren ist hier offensichtlich Volkssport Nummer 1. 🙂

So schön der Ausblick am Meer und die alten Dörfer auf den Höhenzügen im Hinterland auch sind, die Qualität der Straßenbeläge ist extrem unterschiedlich und gemessen an deutschen Verhältnissen … gewöhnungsbedürftig. Zum Glück kommt der Streckenplaner des Giro d’Italia aus der Gegend und wo der Giro entlang läuft, werden viele Straßen zuvor frisch asphaltiert. Überall anders muss man jederzeit mit natürlich nicht angekündigten Rissen, Absätzen, Löchern, Sand, etc. rechnen. Generell empfehlen sich ein niedriger Reifendruck und mindestens 28mm breite Schlappen, sowie eine sehr zurückhaltende Fahrweise in unbekannten Abfahrten.

Der Umgang der Radsportler untereinander ist dagegen ausgesprochen angenehm. Man kennt sich und grüßt sich und in der Gruppe wird fast am Stück miteinander geredet und geflachst. Rote Ampeln werden grundsätzlich ignoriert, die Italiener rollen einfach kontrolliert drüber und geben notfalls ein Handzeichen an den vorfahrtsberechtigten Querverkehr. Das muss ich nicht unbedingt haben, aber hier regt sich niemand darüber auf. Unvorstellbar in Deutschland.

Als deutscher Radfahrer ist man ein Exot, wird sehr offen und freundlich empfangen und schließt schnell Freundschaften und Bekanntschaften. So wurde ich heuer spontan eingeladen, bei der Sonntagsausfahrt des Teams SEAHUB aus Pescara mitzufahren. Ein italienischer Bekannte hatte auf Strava gesehen, dass ich da bin und mich kontaktiert. War eine schöne aber auch anspruchsvolle Runde:

Die Möglichkeiten, hier Rad zu fahren, sind vielfältig: Man kann flach an der Küste entlang rollen, bergauf/bergab die bis zu 300 Meter hohen Höhenzüge im Hinterland queren oder in 58 Kilometern von Meereshöhe über den Passo Lanciano zur Kapelle „Madonnina del Blockhaus“ in 2.100 m Höhe im Nationalpark Majella klettern, der größte Höhenunterschied auf einer asphaltierten Straße in Italien. Sobald man von der Küste weg ist, sind die Straßen verkehrsarm. Gefährlich werden können einem eher freilaufende Hunde, die einen plötzlich attackieren. Tipp der Einheimischen: zur Abwehr mit der Trinkflasche anspritzen. Apropos Trinkflasche: die meisten Italiener fahren hier nur mit einer Flasche, denn zum einen gibt es in fast jedem Dorf einen Brunnen/Wasserspender mit Trinkwasser und zum anderen kehren die Locals mindestens einmal auf jeder Runde in einer der zahlreichen Bars für Café, Wasser und Kleingebäck ein.

Zumindest an der Küste kann man grundsätzlich auch ganzjährig Radfahren, wobei die meisten Hotels und Restaurants von Oktober bis Mai geschlossen haben. Im Hinterland gibt es durchaus größere Schneemengen und das Skigebiet am Passo Lanciano ist nur eine knappe Autostunde von der Küste entfernt. Auf jeden Fall eine interessante Gegend um Strand- und Radurlaub zu kombinieren.